Der Konfuzianismus in China

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In zahlreichen Büchern wird Konfuzianismus als Religion bezeichnet, obwohl die Bezeichnung „Philosophie“ treffender ist: statt auf Metaphysik basiert der Konfuzianismus auf einer praxisorientierten Lehre für das Leben. Folgender Artikel von Nico Winklmüller erklärt, warum der Konfuzianismus durch und durch weltlich ist.

 

Die Gleichsetzung des Konfuzianismus mit einer Religion rührt höchstwahrscheinlich von dem Personenkult um Konfuzius her. Konfuzius ist aber keine Gestalt im übernatürlichen Bereich, sondern hat verschiedenen Überlieferungen zufolge tatsächlich gelebt. Das chinesische Volk hat eine Tradition zur Verehrung ihrer Helden und Konfuzius bildet hierbei keine Ausnahme. Wenn man Konfuzianismus als Religion definiert, müsste man dies auch mit dem Maoismus (das heißt mit dem Personenkult um den Gründer der Volksrepublik China) tun. Offensichtlich handelt es sich auch hier nicht um eine Religion, sondern um die Philosophie und die Lehren Mao Zedongs.

Die Philosophie des Konfuzianismus geht zurück auf den chinesischen Gelehrten Konfuzius (chin.: Kongzi), der verschiedenen Quellen zufolge von 551 v. Chr. Bis 449 v. Chr. gelebt hat.

Konfuzius’ Leben fällt damit in die Epoche Chinas, welche als die „Zeit der streitenden Reiche („Zhanguo Shidai“) in die Geschichte einging. Ziel von Konfuzius’ Lehren war es, die verloren gegangene Ordnung in der Gesellschaft wieder herzustellen. Zur Erlangung dieser Ordnung sollte nach Konfuzius jeder Mensch ein „Ehrenmann“ (chin.: chun tzu – in der deutschen Literatur oft als „Gentleman“ übersetzt) sein bzw. werden. Konfuzius selbst definierte chun tzu folgendermaßen:

 

„…Das Wesen des Gentlemans ist die Gerechtigkeit (I). Er folgt den Regeln des Anstandes und der Schicklichkeit (Li). Er ist bescheiden in seinen Worten. Er ist aufrichtig in seinem Verhalten. Fürwahr, so ist ein Gentleman.“

 

Konfuzius war weiterhin der Ansicht, dass der Mensch gewisse Tugenden besitzen muss, um ein „chun tzu“ zu werden. Die wichtigsten Tugenden und die Basis des Konfuzianismus stellen die Tugenden Menschlichkeit (chin.: jen), Gerechtigkeit (chin.: i) und Schicklichkeit (chin.: li) dar.

Unter diesen Tugenden stellt Jen (Menschlichkeit) die wichtigste dar.

Ein  weiteres wichtiges Element  im Konfuzianismus  stellt  die Familie  dar. Der chinesische Autor Shaoping Gan  schreibt: „Der Zustand der Familie als Mikrogesellschaft kann direkt den Zustand der ganzen Gesellschaft widerspiegeln  und  auch  beeinflussen. Wenn  jede  Familie  stabil  ist,  ist auch der ganze Staat stabil und geschlossen. Sind dagegen alle Familien zerrüttet, kann auch im ganzen Staat keine Ordnung aufrechterhalten werden.“ Aufgrund dessen ist die Kardinaltugend jen schon in der Familie zu erlernen. Als höchstes Maß gilt hier xiao (Pietät), die Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern. Aus dieser Beziehung leiten sich vier weitere ab:

 

-         Achtung gegenüber den älteren Brüdern

-         Zuverlässigkeit unter den Freunden

-         Loyalität gegenüber dem Monarch

-         Gegenseitige Verehrung zwischen Mann und Frau

 

Die Ehrfurcht und der Respekt gegenüber den Eltern und den älteren Brüdern innerhalb der Familie wird somit auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen außerhalb der Familie übertragen. Konfuzius hierzu:

 

„Ein junger Mensch soll in der Familie ehrfürchtig und gehorsam gegenüber seinen Eltern sein. Außer Haus begegne er den Menschen so, wie sich ein jüngerer Bruder gegenüber seinem älteren Bruder verhält, mit Achtung und Zuverlässigkeit; er sei durchdrungen von Liebe zu allen und eng mit der Humanität verbunden.“

 

Es lässt sich feststellen, dass die Philosophie des Konfuzius humanistischer Natur ist – also eine Philosophie, die auf moralischen und ethischen Grundsätzen basiert. Ziel des Konfuzianismus ist es, zwischenmenschliche Probleme zu lösen und aufzuheben und somit die Struktur einer Gesellschaft zu verbessern. Dies belegt die These, dass es sich um keine metaphysische Lehre handelt und der Konfuzianismus sich gänzlich in der diesseitigen Welt befindet.

Natürlich sind die Gedanken und Tugenden des Konfuzius Idealvorstellungen: Die Chinesen richten sich mit Sicherheit nicht alle und gänzlich nach diesen Tugenden, und in China gibt es wie in anderen Ländern auch Korruption, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, wie Zwangsumsiedlungen von Menschen gegen deren Willen oder das Tian An Men Massaker unbestreitbar belegen. Doch lassen sich im chinesischen Denken durchaus konfuzianische Tugenden wieder finden – insbesondere die Bedeutung der Familie und der Respekt gegenüber Älteren, also das Hierarchiebewusstsein.

 

Die wichtige Bedeutung der Familie, die im Konfuzianismus auch im weiteren Sinne zur Geltung kommt, lässt sich schließlich daran erkennen, dass das chinesische Schriftzeichen bzw. die chinesische Bezeichnung für Staat oder Land „Guojiaheisst. Guo steht für Land, Jia steht für Familie: der Staat bzw. das Land wird als große Familie angesehen.

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